Arbeiten unter Zeitdruck positiv oder negativ?

Arbeiten unter Zeitdruck gehört zu den Stresssituationen oder „Stressoren“, die wesentlich zur Entstehung von arbeitsbedingtem Stress beitragen.

Stress muss dabei aber nicht immer nur negativ sein (so genannter „Distress“), sondern kann auch positiv erlebt werden (so genannter „Eustress“).

Ob Stresssituationen wie Zeitdruck bei der Arbeit als positiv oder negativ erlebt werden, hängt vor allem davon ab, welche individuellen Fähigkeiten und Ressourcen einer Person zur Verfügung stehen, um die Situation bewältigen zu können (z. B. körperliche und geistiges Fitness, berufliche Kompetenzen, Rückhalt von Kollegen und Vorgesetzten). Denn Stress ist zunächst nur eine Reaktion von Körper und Psyche auf Anforderungen aus der unmittelbaren Umwelt. Ist das Anforderungsniveau zu hoch, kommt es zu einer zu hohen Aktivierung körperlicher und psychischer Funktionen (z. B. Nervosität, Hektik, Erhöhung von Puls und Blutdruck) und damit zu Überforderung und zu Leistungsabfall. Ist das Anforderungsniveau dagegen zu niedrig, führt dies zu einer Deaktivierung von Körper und Psyche (z. B. Langeweile, Ermüdung, Senkung von Puls und Blutdruck) und damit zu Unterforderung und ebenfalls zu einer verschlechterten Leistungsfähigkeit. Optimal ist daher ein mittleres arbeitsbedingtes Stressempfinden, wie es beispielsweise bei Arbeitsaufgaben mit einem einfachen bis mittleren Schwierigkeitsgrad und gleichzeitigem Zeitdruck der Fall ist.

Vor- und Nachteile des Arbeitens unter Zeitdruck

Schätzt eine Person ihre Fähigkeiten und Ressourcen als ausreichend ein, kann Zeitdruck durchaus eine positive Wirkung haben und den Betreffenden sogar zu körperlichen und geistigen Höchstleistungen antreiben. Im Idealfall entsprechen die Fähigkeiten und Ressourcen den Umweltanforderungen und ein so genanntes „Flow-Erleben“ stellt sich ein: Dabei geht eine Person vollkommen in ihrer Arbeit auf, weil sie sich den Aufgaben gewachsen fühlt und positives Feedback aus der Aufgabenerledigung selbst erhält. Zeit spielt dann keine Rolle mehr; die Person konzentriert sich ausschließlich auf ihre Tätigkeit.

Erscheint die zur Verfügung stehende Zeit allerdings zu kurz, um die gestellten Anforderungen mit den eigenen Fähigkeiten und Ressourcen erfüllen zu können, entsteht oft das Gefühl, keine Kontrolle mehr über die Situation zu haben. Zum Beispiel können dann Informationen schlechter aufgenommen werden, Konzentration und Arbeitsmotivation lassen nach, Bewegungen werden fahriger und die Gefahr von Fehlern und Unfällen bei der Arbeit steigt (z. B. durch Nichteinhaltung von Kontrollvorgängen und Sicherheitsvorschriften).

Geschlechtsspezifischer Umgang mit Zeitdruck

Eine Studie der Vanderbilt University von Stephen Camarata und Richard Woodcock (2005) zeigt, dass der Umgang mit Zeitmangel neben individuellen Fähigkeiten und Ressourcen auch von Faktoren wie dem Geschlecht abhängig ist: Frauen – insbesondere Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 10 und 34 Jahren – können unter Zeitdruck einfache bis mittelschwere Problemlöseaufgaben deutlich effizienter bewältigen als Männer. Dies liegt nach Ansicht der Forscher nicht an einer höheren Reaktionsgeschwindigkeit, die es Frauen ermöglicht, schneller Entscheidungen zu treffen. Vielmehr verfügen Frauen über eine bessere „Verarbeitungsgeschwindigkeit“, d.h. sie können die relevanten Merkmale eines Problems schneller erkennen als Männer und entsprechend handeln. Ein bislang noch unerforschter Grund dafür könnte sein, dass weibliche und männliche Gehirnstrukturen unterschiedlich organisiert sind.

Körperliche Reaktionen auf permanenten Zeitdruck

Wer allerdings permanentem Zeitdruck bei der Arbeit ausgesetzt ist, muss langfristig mit erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen rechnen. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (1999) leiden Arbeitnehmer, die unter ständigem Zeit- und Termindruck arbeiten, 12 bis 14 Prozent häufiger an einer Erkrankung, als Arbeitnehmer, die weitgehend stressfrei arbeiten können. Zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden, die in diesem Zusammenhang entstehen können, zählen unter anderem Kopfschmerzen und Migräne, Bluthochdruck, vermehrte Infektionskrankheiten (z. B. Erkältungen, Asthma), Schlafstörungen sowie Magen-Darm- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. auch Herzinfarkt). Davon betroffen sind vor allem ältere Arbeitnehmer, die aufgrund natürlicher körperlicher Alterungsprozesse das Arbeiten unter Zeitdruck als belastender erleben als jüngere Arbeitnehmer.